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Eine altbewährte Geste als Hygiene für die Seele
Nach Handschlag-Verzicht in Bochum bewahrt Bad Pyrmont den "guten Ton": Im Bathildis-Krankenhaus reichen Ärzte weiterhin die Hand

Von Frank Weber

9. Mai 2014 – Bochum/Bad Pyrmont (wbn). Händeschütteln verboten! Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen: Hygiene geht vor Freundlichkeit. Eine Bochumer Klinik hat daraus jetzt sogar eine Dienstanweisung gemacht. "Bild" war das eine Meldung auf der Seite 1 wert. Damit diskutiert jetzt ganz Deutschland über die Klinik im Ruhrgebiet. Wie also hält es ein Krankenhaus in der Region mit der neuen Gesundheitsdoktrin?

Im Evangelischen Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont zum Beispiel werden die Prioritäten ganz anders gesetzt. Hier wird besonderer Wert auf das Miteinander gelegt, die Geborgenheit und das Vertrauen, das der Patient fühlt, wenn der Arzt ihm von Herzen die Hand reicht. Und während in Bochum die Patienten sogar fordern, nicht per Handschlag begrüßt zu werden, geht im Weserbergland die Freundlichkeit über alles.

(Zum Bild: Wird im Bathildiskrankenhaus nicht verboten: Der Handschlag als freundliche Begrüßungs-Geste. Symbolfoto: Alexander Klaus / pixelio.de)

 

 

Fortsetzung von Seite 1

Doch die Bochumer Ärzte haben ebenfalls saubere Trümpfe in der Hand. Klinik-Geschäftsführer Ulrich Froese hat seinen rund 1.600 Mitarbeitern das Händeschütteln per Dienstanweisung untersagt, weil es ihm um die Sicherheit der Patienten geht, die so vor schädlichen Keimen geschützt werden sollen. Schließlich werden unbestritten 80 Prozent der Infektionen in Krankenhäusern durch Handkontakt übertragen. Gleichzeitig werde die Haut der Mitarbeiter weniger strapaziert, wenn sich die Ärzte und Pfleger nicht hundert Mal am Tag die Hände desinfizieren müssen, so Froese.

Die gefährlichen Keime heißen Burkholderia, Enterobacter und Pseudomonas

Die Liste der elektronenmikroskopisch kleinen Fieslinge, die einem im Alltag, beim Händeschütteln oder am Handgriff eines harmlos erscheinenden Einkaufswagens im Supermarkt begegnen, ist lang und exotisch: Stenotrophomonas maltophilia, Burkholderia, Acinetobacter, Enterobacter, Pseudomonas, Enterobacter cloacae, Escherichia coli. Begegnungen dieser Art spielen sich im Reich des Unsichtbaren ab und strapazieren die Phantasie. Deshalb setzen die Bochumer Mediziner auf so rigorose Strategien der Kontaktvermeidung. Damit sich die Patienten nicht über vermeintliche Unhöflichkeit des Klinikpersonals wundern, ist im Augusta-Krankenhaus eigens für sie ein Informationsblatt erarbeitet worden. Die Botschaft: Statt eines Händedrucks bekommen sie hier von den Ärzten ein Lächeln geschenkt. Und das kommt gut an. Die Reaktion der Patienten auf den Händeschüttel-Verzicht sei erstaunlich, erklärt der Geschäftsführer im Gespräch mit den Weserbergland-Nachrichten.de. "Der Patient fordert das oft sogar ein, ist irritiert, wenn man ihm die Hand gibt". Umso wichtiger sei es deshalb, den Händedruck-Aspekt dem Ziel der Patientensicherheit unterzuordnen.

Bad Pyrmont: Menschlichkeit und Nächstenliebe besonders wichtig

Anders in Bad Pyrmont im Weserbergland. Im Evangelischen Bathildiskrankenhaus wird die Sache nicht so gewichtet. Zwar wird auch hier größter Wert auf einen hohen Hygienestandard gelegt, eine "so drastische Maßnahme" käme aber nicht zur Anwendung, erklärt Klinik-Geschäftsführer Alfred Karl Walter auf Nachfrage. Aus hygienischer Sicht scheine das Verbot sicher sinnvoll – aus menschlicher Sicht ist es das offenbar nicht. "Wir haben uns dafür entschieden, die üblichen Höflichkeitsformen zu wahren". Er spricht von Nächstenliebe. Im christlichen Krankenhaus sei es besonders wichtig, den Patienten diese auch entgegenzubringen. Und dazu gehört es eben, den Patienten die Hand zu geben. Im Gegensatz zu den Patienten in Bochum stößt die kulturell-traditionelle Begrüßungsgeste bei den Patienten in Bad Pyrmont auf positive Resonanz. Hier gehört der Handschlag einfach zum "guten Ton". Walter: "Viele unserer Patienten gehören zu der Generation, die die 'gute alte Schule' genossen hat. Das Weglassen eines Händedruckes wäre eine Geste der Unhöflichkeit".

Sicherheit der Patienten und Angestellten steht an erster Stelle

Auch im Bathildiskrankenhaus steht die Sicherheit der Patienten und Mitarbeiter an erster Stelle. "Es ist unseren an den Patienten tätigen Mitarbeitern in der täglich Routinen bewusst, sich jeweils nach dem Patientenkontakt die Hände zu desinfizieren, um so keine Keime zu verschleppen", erklärt der Geschäftsführer der zur Agaplesion-Gruppe gehörenden Klinik. Außerdem stehen auch den Besuchern an zentralen Stellen Hände-Desinfektionsgeräte zur Verfügung. Patienten, die einer Risikogruppe angehören, werden nach einem Screening bei Verdacht auf eine Infektion isoliert. Mitarbeiter und Angehörige dürfen das Zimmer dann nur noch mit Kittel, Handschuhen und Mundschutz betreten. Doch dass es auch im gewöhnlichen Umgang ganz ohne Handschlag-Verbot geht, hat unlängst die "Aktion saubere Hände" bestätigt. Im Rahmen der nationalen Kampagne hat die Klinik erst im vergangenen Sommer wegen der guten Hygiene-Standards das Silber-Zertifikat bekommen. Und noch mehr: Schon am 22. Mai wird im Krankenhaus wieder der alljährliche "Tag der Händehygiene" zelebriert. Hygienestandard aus erster Hand eben.
 

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