Der Kommentar

Warum Schottland jetzt den Hüte-Collie Lassie braucht

Von Veronica Maguire MA

Freitag 19. September 2014 - Schottland braucht Lassie. Den Super-Collie, der jetzt die ganze Herde zusammenhalten muss, Inbegriff der Urtugend schottischer Hütehund-Tradition, gipfelnd im intelligenten pfeilschnellen Border-Collie.

Denn die eigentliche Zerreißprobe ist erst nach dieser historischen Abstimmung gekommen, deren Ergebnis seit heute Morgen vorliegt und das in seiner Bedeutung möglicherweise noch gar nicht erkannt wird. 55,3 Prozent haben ein klares No gesagt. Das Verhältnis der Unabhängigkeits-Gegner, die sich für den Verbleib unter britischem Dach ausgesprochen haben, im Gegensatz zu den Abspaltungsbefürwortern, ist damit beunruhigend knapp ausgefallen. Unübersehbar: Dieses Land ist in zwei Lager gespalten. Daraus resultiert die eigentliche Katerstimmung nach dem historischen Urnengang.

Zur Autorin: Veronica Maguire ist mehrsprachige Übersetzerin sowie Herausgeberin der Weserbergland-Nachrichten.de und im schottischen Glasgow geboren. Heute lebt sie im Weserbergland. Zum historischen Urnengang war sie publizistisch in Schottland unterwegs, hatte Meinungen eingefangen und die Gemütslage ihrer Landsleute in Glasgow beobachtet. Foto: Frank Weber)


Fortsetzung von Seite 1

Natürlich mutet es anachronistisch an wenn ein großer Teil der Schotten im Zeitalter des verschmelzenden Europa den eigenen Status um dreihundert Jahre zurückdrehen und sich von den Machthabern in London freisprechen will. Andererseits: Die Argumente der Abspalter erschienen so gut, dass etwa 44 Prozent der Schotten die „Schotten dicht“ machen wollten und sich große Vorteile für Wirtschaft und Sozialsystem versprachen. Die schottischen und britischen Wirtschaftszentren können verschiedener nicht sein: In der Arbeiterstadt Glasgow wird malocht, im Londoner Finanzviertel mit Wertpapieren gedealt und gezockt.

Doch irgendwann wird auch das Nordsee-Öl versiegen. Und von Schafwolle allein können auch die sparsamsten Schotten nicht leben. Auch wenn die Briten selbst immer wieder von Trennungsgelüsten übermannt werden – etwa wenn es um die Zugehörigkeit zu Europa geht und immer noch vom „Kontinent“ gesprochen wird -  gibt es keine Alternative zu der Einsicht, dass die globalen Probleme unserer Welt größerer Bündnisse bedürfen und wir nicht den Rückfall in die Kleinstaaterei hinnehmen können. Ich habe mich in der vergangenen Woche in Glasgow aufgehalten und dort viele Gespräche mit den Glaswegians geführt.

Ich selbst bin dort geboren, in Bishopbriggs (da kommt Amy Macdonald her und James Bond-Darsteller Sean Connery ist aus Edinburgh). Die Diskussion hat Familien entzweit, Freunde gegeneinander aufgebracht, dazu geführt, dass Nachbarn nicht mehr miteinander reden. Das Thema ist sehr emotional, weil von so großer Bedeutung bis in die eigene Biographie hinein. Vielleicht erkennen jetzt einige meiner Landsleute, dass sie ihre ersehnte Unabhängigkeit längst erreicht haben. Wirtschaftlich und politisch.

Das Regionalparlament im benachbarten Edinburgh, dem "Schreibtisch" von Schottland, ist in seinen Rechten schon vor der Abstimmung entscheidend gestärkt worden. Und David Cameron hat sogar die schottische Flagge auf seinem Dienstsitz wehen lassen – mit anderen Worten, symbolisch die Segel gestrichen. Was wollen wir mehr?

Die Bevölkerung in Schottland ist im Schnitt besser gestellt als „im Rest der Insel“. Schauen wir nach vorn, von den Highlands hat man sowieso die bessere Sicht in die Niederungen des britischen Königreichs. Bei einem kräftigen Schluck Scotch sieht die Welt gleich ganz anders aus. Wir haben den Wikingern getrotzt – lassen wir doch die Briten weiterhin in ihrem irrigen Glauben, sie könnten uns von London aus mal eben mitregieren. Es wäre nicht der erste Schwanz, der glaubt mit dem Hund (Lassie) wedeln zu können.

Aber im Ernst: Was geht uns in Deutschland das Wahlergebnis auf der Insel an? Eine Menge. Es kann auch als ermutigendes Signal der Stärkung europäischer Regionen gewertete werden. Und da gibt es europaweit Nachholbedarf. Nicht nur bei den Katalanen.