„Runder Tisch Lebensmittelwertschätzung“ eingerichtet
Agrarminister Meyer will der Überflussgesellschaft den Stecker ziehen

Donnerstag 28. Januar 2016 - Hannover (wbn). Rund ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel landet auf dem Müll. Pro Kopf sind das jedes Jahr mehr als 80 Kilogramm. In Niedersachsen entspricht das rund 1,8 Millionen Tonnen. Um diese Verschwendung zu reduzieren, hat Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) einen „Runden Tisch Lebensmittelwertschätzung“ ins Leben gerufen, dessen Teilnehmer heute zum ersten Mal zusammen kommen.

„Was Tag für Tag passiert, ist keine Bagatelle“, sagte der Minister. „Wir sind moralisch, ökonomisch und ökologisch dazu verpflichtet, das Wegwerfen von Lebensmitteln zu stoppen. Wir müssen der Überflussgesellschaft den Stecker ziehen.“

 

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Akteure des Runden Tisches sind Vertreter aller relevanten Wirtschafts- und Sozialpartner – neben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung unter anderem  auch Vertreter der Kirchen, der Landwirtschaft, des Handels, der Gewerkschaften, der Wissenschaft sowie von Nicht-Regierungsorganisationen.

Das Ziel des Landwirtschaftsministers: „Mit dem Verramschen von Lebensmitteln muss Schluss sein. Sie haben einen Wert und der muss sich im Preis niederschlagen. Die Bauern haben ein Recht darauf, für ihre Leistungen angemessen bezahlt zu werden.“ Das sei auch der richtige Weg, „um eine bäuerliche Landwirtschaft zu fördern und nicht weiter Agrarpolitik nach der Devise ,Wachsen oder Weichen‘ zu betreiben“

Runder Tisch ein Ergebnis der Fachtagung im vorigen Jahr

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium hat das Thema Lebensmittelwertschätzung und -verluste fest im Blick. So fand bereits im September vorigen Jahres eine Fachtagung dazu statt, aus der nunmehr der ‚Runde Tisch Lebensmittelwertschätzung‘ hervorgegangen ist.

„Das Thema steht für mich ganz oben auf der Tagesordnung. Lebensmittel und die Landwirte als Produzenten haben mehr Respekt verdient. Lebensmittel sind Mittel zum Leben, aber nicht mit einem Schulterzucken ein Fall für die Tonne.“

Meyer machte deutlich, warum ihn die Entwicklung so umtreibt: Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen wegen des Wegwerfens von Lebensmitteln legen nahe, dass pro Person Kosten von mehr als 230 Euro pro Jahr anfallen. Meyer: „Wenn jeder von uns weniger Lebensmittel verschwenden würde, hätte das enorme wirtschaftliche und ökologische Effekte. Ressourcen würden geschont, Abfall und klimaschädliches Kohlendioxid könnten eingespart werden.“

Meyer hadert mit dem Begriff „Mindeshaltbarkeitsdatum“

Einen Bewusstseinswandel bewirken könnte nach Überzeugung des Ministers bereits ein Umdenken beim Mindesthaltbarkeitsdatum. Meyer: „Über diese Formulierung muss man reden. Zum Beispiel gefällt mir das englische „best before“ besser, weil es etwas über Qualität und Frische, aber nicht über Gesundheitsgefährdung ausdrückt. Im Deutschen wird das Mindesthaltbarkeitsdatum immer mit Ungenießbarkeit gleichgesetzt, was nicht stimmt.“

Eine der Ursachen für die geringe Wertschätzung von Lebensmitteln hierzulande liegt nach Ansicht des Ministers auch darin, dass die Preise für Lebensmittel in Deutschland die niedrigsten im europäischen Vergleich sind. Deutsche Verbraucher geben aktuell rund zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. 1970 waren es noch 20 Prozent. In anderen europäischen Staaten ist der Anteil weitaus höher: Fast 16 Prozent sind es in Frankreich, mehr als 20 Prozent in Spanien und Italien.