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Ein Bürgermeister lief dagegen Sturm - und irgendwie erinnerte es auch an Bad Pyrmont

Behördenwahnsinn: Der Sexualstraftäter Hans-Peter W. sollte eine neue schöne Bleibe finden - in einer Reitanlage mit jungen Mädchen

Von Ralph L o r e n z

Hamburg/Hameln/Bad Pyrmont (wbn). Das Theater um Hans-Peter W. geht weiter. Der Sexualstraftäter, der in Bad Pyrmont Schlagzeilen gemacht hatte, ist noch immer auf der Suche nach einer Bleibe und muss sich dabei vorkommen wie auf einem Verschiebebahnhof der Behörden. Jetzt haben sich sogar noch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus – beide CDU - wegen Deutschlands unbeliebtesten Wohnungssuchenden  in der Wolle gehabt.

Fakt ist: Mit Baden-Württemberg (Haft in Freiburg), Niedersachsen (erste Unterbringung in Bad Pyrmont-Thal) , Hamburg (Hamburg zweite Unterbringung mit mehrfach wechselnden Adressen und Notlösungen) und Schleswig-Holstein (zwei gescheiterte Unterbringungs-Versuche) ist der 53-Jährige inzwischen zum Wanderpokal der Justiz- und Innenminister der Bundesländer geworden. Vier Bundesländer sind nun involviert worden. Es können noch mehr werden. Sogar die Justizministerkonferenz hat der Fall beschäftigt - und natürlich die Medien. Doch der Reihe nach: In einer Nacht- und Nebelaktion mit denkbar kürzester Vorwarnzeit verfrachtete die baden-württembergische Justiz den aufgrund eines Brüsseler Urteils nach fast 30 Jahren Knast mit Sicherungsverwahrung freigelassenen Sexualstraftäter in den Ortsteil Thal von Bad Pyrmont. Eine dortige Pflegeeinrichtung stand auf einer Liste von Heimen, die angeblich aufnahmewillig gewesen sein sollen – vor allem aber Hans-Peter W., der noch nie in Bad Pyrmont gewesen war, will just nach Bad Pyrmont-Thal gewollt haben. Das war Mitte Juli und damit begann die bislang spektakulärste Odysee eines Sexualstraftäters. Rüdiger Butte, Landrat von Hameln-Pyrmont, wurde erst durch einen frühmorgendlichen Anruf einer NDR-Mitarbeiterin über den wohl gefährlichsten Touristen und „Kurgast“ in der Perle seines Landkreises, in Bad Pyrmont informiert. Da war der Mann schon in Thal aufgeschlagen und der Landrat vor vollendete Tatsachen gestellt.

Rüdiger Butte: Wir hätten die Unterbringung in einem Heim in Bad Pyrmont-Thal niemals zugelassen... 

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Butte sagte seinerzeit zu den Weserbergland-Nachrichten.de: „Wenn wir das vorher gewusst hätten, wir hätten das niemals zugelassen.“ Dabei ging es dem Ex-Chef des Landeskriminalamtes von Niedersachsen nicht um das St.-Florians-Prinzip (Oh heiliger St. Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an!). Butte war sich lediglich schnell bewusst, dass Art und Umstand der Freilassung, vor allem aber die nicht nachvollziehbare Auswahl des Zielortes weder dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung noch der unerwarteten Situation für den Mann gerecht werden konnte, der sein Erwachsenen-Leben nahezu ganz in der Knast-Quarantäne im badischen Freiburg verbracht hatte. Die Sicherheit der Bevölkerung in seinem Landkreis und im Weserbergland hatte für Butte aber oberste Priorität.

Ein Landrat in der niedersächsischen Provinz hatte die Lage schneller analysiert als die einschlägigen Behördenleiter

Allen Beteiligten, selbst auch Hans-Peter W. war rasch klar, dass die Einrichtung in Thal in jeder Hinsicht überfordert war, zumal der Sexualstraftäter, dem nach wie vor eine denkbar schlechte Prognose nachgesagt wird, sich von Presse und Neugierigen belagert sah. Generell gab es im Weserbergland keine geeignete Unterkunft, so dass Landrat Butte aus Gründen der möglichen Bedrohungslage für die Bevölkerung, aber auch im Interesse des von seiner Freilassung nicht minder überraschten Hans-Peter W. dringend eine geeignete Unterbringung forderte.

Besonders schlaue Kritiker, auch jene, die es von Berufs wegen besser wissen müssten und Butte eigentlich auch gut kennen sollten, unterstellten dem Landrat allerdings in der Öffentlichkeit er wolle sich nur eines unbequemen Problemes entledigen. Tatsächlich musste ihm dann  aber sogar auf Ministerebene in Berlin Recht gegeben werden. Und zwar in zwei Punkten: Es müssen unverzüglich geeignete Aufnahme-Einrichtungen für solche - ein halbes Leben lang weggesperrte - Sexualstraftäter geschaffen werden. Zweitens: Die elektronische Fußfessel gaukelt ein falsches Sicherheitsgefühl vor. Sie bringt deshalb nichts, weil sie den hormonell gesteuerten, emotional hoch aufgeladenen Triebtäter nicht daran hindert in einem vermeintlich günstigen Augenblick wieder eine einschlägige Straftat zu begehen. Und das dann noch gewissermaßen "unter Aufsicht" der Polizei.

Sexualtriebtäter Hans-Peter W. ist als "freier Mann" zu betrachten - theoretisch zumindest

Doch zurück zu jenen Tagen im Juli diesen Jahres, da Hans-Peter W. die für ihn doch nicht so ganz freie Kurluft von Bad Pyrmont schnupperte: In enger Abstimmung mit dem Justizministerium und dem Innenministerium des Landes wurde der rund um die Uhr bewachte Sexualtäter schon nach dem ersten Wochenende gen Norden expediert, wobei der Hameln-Pyrmonter Landrat auf das weitere Reiseziel wie schon vorher keinen Einfluß hatte.

Die Millionenstadt Hamburg schien aber als Aufenthalt mit deutlich mehr Fürsorgeeinrichtungen bessere Voraussetzungen zu bieten, zumal der Sexualstraftäter keine Bedenken gegen die Nähe zur Reeperbahn gehabt zu haben schien. Jedenfalls stimmte der Langzeit-Knacki zu, denn Hans-Peter W. ist aufgrund des Europa-Urteils als freier Mann zu betrachten, der allerdings aufgrund der Sicherheitsbedenken rund um die Uhr in gebotenem Abstand von Polizisten im Auge behalten werden muss. Freilich machte Hans-Peter W. in Hamburg wieder Schlag-Zeilen. Nicht unbedingt, weil er einem Pressefotografen im Hinterhof in einem unbewachten Augenblick aus gegebenem Anlass die Kamera zerschredderte.

Kleinstaaterei: Hans-Peter W. war in der Klinik unerwünscht, weil er aus dem falschen Bundesland kam

Wo immer er mit seinem Handgepäck diskret einzog, scharten sich die Mitbewohner nach kurzer Zeit zusammen, weil ihnen aufgrund der Dauerüberwachung durch dezente junge Männer in unauffälligen Zivilfahrzeugen die ungute Prominenz des Neuankömmlings nicht verborgen bleiben konnte. So lernte Hans-Peter W. mehr Stadtteile kennen als so mancher Hamburger. Er soll auch schon ganz freiwillig in Polizeigebäuden übernachtet haben. Die letzten Gespräche der Weserbergland-Nachrichten.de mit Professor Bernd Behnke, dem badischen Anwalt des Schwerverbrechers, liessen freilich einen Hoffnungsschimmer erkennen. Man habe für ihn eine geeignete, sehr angesehene Klinikeinrichtung ausgeguckt, hieß es. Der 53-jährige Sexualstraftäter sollte in der für ihn geeigneten Ameus-Klinik in Ostholstein untergebracht werden, was die Landesregierung in Kiel allerdings zu verhindern wusste. Dort dürften allenfalls nur eigene Sexualstraftäter untergebracht werden.

Rund um die Uhr bewacht von bis zu 24 Polizisten, musste Hans Peter W. weiterhin in Hamburg-Niendorf ausharren, wo es ihm immer weniger gefällt. Den Bürgern auch nicht. Eltern, die ihre Kinder jeden Morgen in einem nahe gelegenen Kindergarten abgeben, haben schon vernehmlich gegen den Neuzugang in der Nachbarschaft protestiert. Seine Bewacher plagt der Albtraum, dass er irgendwann seine Köfferchen packen und mit unbekannter Adresse verschwinden könnte um sich selbst eine verschwiegene Unterkunft zu suchen. Im Hamburger Rathaus muss dann irgend einer auf die Idee gekommen sein, dass es sicher schön wäre, wenn der Sexualstraftäter auch mal wieder reiten könnte.

Nächstes Ziel: Ein Haus mit Pensionspferdehaltung, Frauen, Mädchen und Drogensüchtigen

Die Stadt Hamburg betreibt nämlich in Reinbek ein Haus mit sogenannter „Pensionspferdehaltung“. Dort sind gut 200 Suchtkranke untergebracht, was irgendwie an das kleine Örtchen Thal bei Bad Pyrmont erinnert, wo auch Alkoholiker in den unterschiedlichsten Stadien eine Bleibe gefunden haben. Und wie in Thal haben auch in Reinbek Kommunalpolitiker umgehend Alarm geschlagen und Zweifel an der Eignung der Heimeinrichtung für einen mit ziemlich miesen Prognosen ausgestatteten Sexualstraftäter  angemeldet. In Reinbek kommt erschwerend hinzu: Wo handzahme Pferde sind, lassen auch die jungen, pferdevernarrten Mädchen nicht allzu lange auf sich warten. Der Presse sagte Reinbeks Bürgermeister Axel Bärendorf ziemlich konsterniert: „Ich bin kein Populist. Aber wer kommt bloß auf die Idee, in einer Einrichtung, in die kleine Mädchen zum Reiten kommen, einen Sexualstraftäter unterbringen zu wollen?“

Doch nicht dieses Argument, sondern die rasche Intervention der Kieler Landesregierung stoppte schließlich die aberwitzige Idee aus Hamburg.

Krisengespräch zwischen Carstensen und Ahlhaus zeigt Wirkung

Das Dumme ist nämlich: Die Hamburger Betreuungseinrichtung mit den Sucht- und Drogeneinrichtungen sowie den kleinen Reiterinnen befindet sich im Landkreis Stormarn und damit auf Schleswig-Holsteiner Boden. Die Empörung des Reinbeker Bürgermeisters und ein Krisengespräch zwischen Carstensen und Ahlhaus zeigte Wirkung, Hans-Peter W. musste auf die Idylle mit der Pensionspferdehaltung verzichten. Derweil sind Kripo und Justiz wieder über die Deutschland-Karte gebeugt. Binnenschiffer Hans-Peter W., 30 Jahre wegen übelster Sexualverbrechen im Knast, hat noch vieles nicht gesehen...

Fazit: Hameln-Pyrmonts Landrat Rüdiger Butte hat als erster in einer schnörkellosen Analyse erkannt und öffentlich gemacht, dass es geeigneter Aufnahmeeinrichtungen bedürfe, die den Anforderungen dieser speziellen Unterbringungsfälle von freigelassenen Sexualverbrechern  gewachsen sind. Diese gibt es bislang nicht. Dabei steht die Kundschaft - weitere Sexualstraftäter, die aufgrund der in Brüssel geschaffenen Gesetzeslage unverzüglich freigelassen worden sind - aber schon hundertfach deutschlandweit einzugsbereit auf der Straße. Leute wie Hans-Peter W. haben aufgrund des alltagsfernen Daueraufenthaltes hinter den Gefängnismauern einen 30-Jahre-Filmriss. Ihre Welt ist die von gestern. Ohne Euro, ohne Chip-Karte, ohne Video-Überwachung.

Ein Reiseziel bleibt Hans-Peter W. verwehrt: die Reise in die Vergangenheit.

 

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