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Der Leitartikel

Die Gorch Fock ist Karl-Theodor zu Guttenberg aus dem Ruder gelaufen - Kapitän Schatz ist das Bauernopfer!

Von Ralph L o r e n z

Karl-Theodor zu Guttenberg, der smarte Bundesverteidigungsminister, hat das Gegenteil von dem erreicht was er wollte. Die Sache mit der Gorch Fock ist ihm mächtig aus dem Ruder gelaufen.  Schon mokieren sich Kommentatoren über das „Prinzip Guttenberg“, das da lautet: Selbst Fehler eingestehen, aber dann andere zur Rechenschaft ziehen.

Das war schon in der Kundus-Affäre so,  als er den damaligen Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert in einsamer Entscheidung überraschend feuerte nach einer Phase der eigenen Desorientierung.  Ein Bild am Sonntag-Redakteur schildert zu Guttenberg in der heutigen Ausgabe als Action-Man. Mit 200 Sachen brettert sein Dienst-Audi , mit dem Minister und den Bild-Redakteuren an Bord, dem Ziel entgegen und der Minister greift zum Handy um den Kapitän feuern zu lassen. Motto: Jetzt reichts. Damit entspricht er ganz dem Klischee: Regieren nach Gutsherrenart. Tagsüber warnt zu Guttenberg noch tapfer vor Vorverurteilungen. Dann bekommt er vorab Wind von den Bild-Schlagzeilen des nächsten Tages und schasst plötzlich den Kommandanten – mal eben per Handy zwischen zwei Terminen!

Das ist stillos. Das ist unwürdig. Warum hat er ihn zumindest nicht persönlich nach Berlin beordert? Soviel Zeit muss sein bei einem Kapitän, der sich bislang tadellos verhalten hat und zum ersten Mal einem diffusen Pauschalverdacht ausgesetzt sieht. Das hat auch die Besatzung der Gorch Fock nicht verdient. Das haben vor allem auch die Angehörigen der Opfer nicht verdient, die ein Anrecht auf sachliche Aufklärung der Vorgänge an Bord haben und nicht auf Polittheater für das kurzatmige Berliner Boulevardpublikum.  Lautstark bekommt der mit 200 Stunden durch die Nacht rasende Minister hernach in Koblenz Beifall von der FDP. Vom Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) ebenso wie von der sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, Elke Hoff. Ein Ablenkungsmanöver? Führungsstärke sieht anders aus.

Fortsetzung von Seite 1

Was hat sich denn vom Freitag Vormittag bis zum Freitag Abend, da Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit den Bild-Reportern auf dem Schoß, den Kopf des Kapitäns Norbert Schatz rollen ließ, innerhalb dieser kurzen Zeit substanziell geändert? Es war doch plötzlich „nur“ die Kunde von der absehbaren Bild-Schlagzeile mit der Mutter aus Bodenwerder auf dem Markt, die zu Recht maßlos enttäuscht von dem teilweise pietätlosen Umgang der Bundesmarine mit dem Tod ihrer Tochter war. Stichwort: Bord-Karneval. Doch damit hat der adelige Ritter an der Spitze der Bundeswehr allerdings mehr zu tun als ihm lieb sein kann.

Alles hat jetzt den Anschein der Verschlimmbesserung

Guttenberg  allein hätte als oberster Dienstherr die Aufklärung der Umstände des Todessturzes der Kadettin aus Bodenwerder kraft Amtes unnachgiebig einfordern und zur Chefsache machen müssen. Nicht erst die Mutter, die begreiflicherweise durch die Mitteilung des Wehrbeauftragten von der angeblichen oder tatsächlichen Vier-Mann-Meuterei aufgerüttelt worden ist und den Mut und das Presse-Gehör für ihre Anklage gegen die Marineführung gefunden hat. Hier ist also ein  klares Informationsdefizit zutage getreten und viel Zeit seit dem Unglücksfall verstrichen, was den Verdacht nahelegt, dass die Bundeswehrführung allzuschnell wieder in ihren Routinetrott zurückgefallen ist. Aber alles, was jetzt in aller Hektik geschieht, hat den Anschein der Verschlimmbesserung.

Zum Zeitpunkt des Unglücks im Hafen war der Kapitän gar nicht an Bord!

Die Ablösung des Kapitäns Norbert Schatz ist eindeutig ein  Bauernopfer. Sie kann nicht am Anfang der Untersuchungsarbeit stehen sondern könnte allenfalls die Konsequenz daraus sein, sofern ihm nach einem Abschlussbericht eindeutig Fehler zugeordnet werden können. Das Dumme ist nur. Zum Zeitpunkt des dramatischen Absturzes war dieser Kapitän gar nicht an Bord des Schiffes. Er war in Urlaub, weil das Schiff im Hafen lag. Das hat der Kapitän persönlich dem Onkel der tödlich verunglückten Offiziersanwärterin mitgeteilt. Die Weserbergland-Nachrichten.de haben dies als erste berichtet.

Der Kapitän hat die Offiziersanwärterin aus Bodenwerder überhaupt nicht gekannt

Der Kapitän konnte die Kadettin also auch gar nicht kennen, weil sie in Abwesenheit an Bord eingetroffen war. Es gab ihm zufolge auch klare Anweisungen soeben eingetroffene Kadetten nicht gleich in die Takelage zu schicken sondern ihnen eine 48-Stunden-Pause zu gönnen um das berüchtigte Jetlag einer langen Flugfernreise auszugleichen. Derjenige, der diese Regel in Abwesenheit des Kapitäns übergangen hat, müsste zunächst einmal zur Verantwortung gezogen werden. Er hat sich über einen Befehl und über alle Vernunft hinweggesetzt.

Der Hamelner Anwalt der trauernden Mutter aus Bodenwerder verhält sich besonnener als der Bundesverteidigungsminister. Er vermeidet ein vorschnelles Urteil und richtet eine Strafanzeige allgemein gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Der Minister wartet nicht einmal den Bericht der Staatsanwaltschaft ab

Ohnehin hatte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aufgenommen, ist aber selbst noch zu keinem Ergebnis gekommen – das hat zu Guttenberg ebenfalls nicht interessiert und auch nicht an seiner vorschnellen Entscheidung gehindert. Auch hier hat er sich entgegen seinen eigenen Beteuerungen verhalten und mit der Ablösung von Schatz ein klassisches Vorurteil getroffen.

Eine eindeutige Schuldzuweisung, die der Wehrbeauftragte übrigens mit dem unerträglichen Zynismus kommentiert, jetzt habe der abgelöste Kapitän mehr Zeit für die Aufklärung. Es hat nunmehr den Anschein, als wären Schiff und Führungsmannschaft vom Verteidigungsminister für den Abschuss freigegeben.  Dass die Mutter den Medien zufolge angeblich die Verschrottung der Gorch Fock verlangen soll, muss wohl eher unter der Rubrik Trauerarbeit gesehen werden.

Was kann das Schiff dafür, wenn einzelne Offiziere Fehler machen?

Die heimische Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller  will  „die Tage der Gorch Fock als Schulschiff gezählt“ sehen, wenn „die Vorwürfe“ stimmen würden. Was auch immer das an Vorwürfen ist. Gerade die Gorch Fock ist als Ausbildungsschiff der ganze Stolz der christlichen Seefahrt unter deutscher Flagge – bis zu jenem Unglückstag im November und den darauf folgenden Vorkommnissen. Die 1958 in Dienst gestellte Dreimast-Bark hat 741.106 Seemeilen zurückgelegt.

Ist der Öffentlichkeit, allen Wehrbeauftragten und Verteidigungsministern bislang irgendwie entgangen, dass es schon immer eine Sklavengaleere der Bundesmarine gewesen sein soll? Oder waren sie in den vergangenen Jahrzehnten ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen? Jetzt dürfen sich Kadettinnen öffentlich beschweren, dass sie an Bord in Hängematten schaukeln und „Machos“ den Ton angeben. Mag sein, dass Kapitän Schatz zuwenig Stuhlkreissitzungen angeordnet und ein Defizit an Meetings zu verantworten hat. Bisher wurde das noch unter Seefahrerromantik abgehakt.

Auch soll der Seebär das Schulschiff manches Mal in schwere See gesteuert haben, wo er doch mit dem Kahn hätte in seichten Gewässern dümpeln können, damit etwas Bacardy-Karibik-Stimmung aufkommt. Journalisten entdecken jetzt den „Drill“ auf einem Bundeswehr-Ausbildungsschiff. Zwischenfrage: Wo denn sonst?

Ein ganzes Schiff ist jetzt zum Abschuß freigegeben

Eine Kadettin stellt anklagend fest: “Wenn Aufentern befohlen ist, dann musst du in die Takelage. Alles andere ist Gehorsamsverweigerung.“ Als berichtenswert gilt auch die Mitteilung, dass Offiziere an Bord viel, Kadetten wenig zu sagen hätten. Und wiederum ist es eine Kadettin, die einem Reporter ins Notizbuch diktiert, dass die Gorch Fock in Wirklichkeit ein schwimmender "Puff" sei, der größte der Meere. In dieser Kakophonie geht dann notgedrungen unter, dass Kommandant Schatz bei seiner Stamm-Mannschaft sehr beliebt und eben ein anerkannter Fahrensmann gewesen ist.  Aber was ist das schon gegen die angebliche Herzlosigkeit, die ihm unterstellt worden ist.

Er habe sich mal über die jungen Generationen ausgelassen, die ohne eine Erfahrung im Kirschbaumklettern aufgewachsen seien. Als kleiner Bub habe er frühzeitig klettern gelernt, vor allem wenn  die Kirschen in Nachbars Garten standen und er an den süßesten Früchten in großer Höhe ertappt wurde. Diese frühzeitig erlernte Bewegungssicherheit gehe heute vielen  jungen Kadetten ab. Wörtlich sagte er: „Die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern vorm Computer.“

Mit seinem Kirschbaum-Beispiel hat der Kapitän leider recht

Damit hat er sehr anschaulich und betont allgemein die Verkümmerung der motorischen Fähigkeiten der heutigen Jugend beklagt. Jede Erzieherin, jeder Lehrer, jeder Trainer kann das bestätigen. Die Mutter in Bodenwerder hat darin allerdings eine Verhöhnung ihrer Tochter gesehen, die damit aber nicht gemeint sein konnte. Denn sie hatte es nicht nur einmal nach oben in die Masten geschafft. Sie war körperlich nicht unvorbereitet, hätte aber sicher noch etwas Eingewöhnungszeit in Anspruch nehmen müssen.

Kein anderes Schiff der Marine macht die Kadetten, die erklärtermaßen und freiwillig ihr Berufsleben auf See verbringen wollen, so intensiv mit den Gewalten des Meeres vertraut, mit Sturm, Flaute und Strömung. Kein anderes Segelschiff zwingt sie so sehr in eine gelebte Kameradschaft auf engstem Raum, wie die Gorch Fock. Andere bezahlen für eine vergleichbare Erfahrung sogar viel Geld.

Schizophrene Gesellschaft: Ekel-TV mit Maden im Gesicht wird geduldet - Ausbildungs-Drill angeprangert

Die Generation der Einzelkinder, der Alleinerzogenen,  der materiell verwöhnten Wohlstands-Kids lernt auf dem Schulschiff eine neue Welt kennen, die in hohem Maß ein bisher nicht gekanntes soziales Verhalten abfordert und Mängel der Kameradschaft ausgleicht. Es ist nicht anachronistisch sondern die richtige Antwort für eine Jugend, die angeblich pausenlos  nach Herausforderungen  giert. Es muss auch zu Denken geben, wenn eine Gesellschaft sich, wie jetzt aktuell,  vor dem TV an Ekelszenen im „Dschungelcamp“ ergötzt und es völlig in Ordnung findet, wenn dabei Menschen erniedrigt und bloßgestellt werden, sich aber gleichzeitig lautstark ereifert, wenn junge Kadetten zu Ausbildungszwecken auf engstem Raum buchstäblich in einem Boot sitzen.

Es muss also allenfalls darum gehen, Fehlentscheidungen und Missstände schonungslos aufzudecken – nicht aber jetzt in einer Kurzschlusshandlung ein ganzes Schiff zu versenken. Das wäre wohl auch nicht im Sinne von Sarah Lena S. aus Bodenwerder gewesen, die sich auf ihre Ausbildung als Offiziersanwärterin so gefreut hatte.

Die Gorch Fock an die Kette legen? Wen hat sie denn gebissen?

Die Gorch Fock jetzt „an die Kette zu legen“, wie Karl-Theodor zu Guttenberg in den Abendnachrichten markig tönte, ist ein verbaler Fehlgriff. Das macht man mit Rottweilern - und anderen unberechenbaren Hunden. Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Kompass abhanden gekommen.

 

 

 



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