Ein Vater, ein Brückenbauer und ein Jäger - Abschied von Karl Heißmeyer

Von Ralph L o r e n z

Bisperode (wbn). Warmes Licht flutet durch die Fenster der Peter und Paul-Kirche und lässt das  Blumenbukett vor dem Altar in herbstlicher Pracht leuchten. Bei diesem Wetter wäre er wohl mit seinen Enkeln durch das barocke Tor des Rittergutes den Ith-Hang hoch gegangen. Er hätte ihnen die Bussarde am Waldrand gezeigt und die Falken, die über den Feldern rütteln.

Er hätte ihnen einmal mehr gezeigt, wie lehrreich es ist mit offenen Augen durch die Natur zu gehen. Mit Blick auf das Dorf und die gegenüber liegenden Hänge, wo sich oft die Segelflieger startklar gemacht haben.

Bei diesem Wetter wäre er wohl den Ith hoch gegangen...

Jetzt, wo die anhaltenden Hangströme für die schon legendäre Dynamik am Ith-Kamm sorgen und Segelflieger sogar aus Bremen einfliegen.

An diesem Ith-Hang mit dem herbstlichen Laubwald wie aus dem Bilderbuch hatte er auch sein Revier. Sicher eines der schönsten und abwechslungsreichsten unter den Jagdrevieren in Niedersachsen, denn Karl Heißmeyer, von dem hier die Rede ist, war leidenschaftlicher Jäger. Aber eigentlich war bei ihm alles „Revier“, was Hameln-Pyrmont und das Weserbergland betrifft. Hier hat sich der Territorialsinn des Jägers mit dem Gestaltungssinn des Regionalpolitikers vermischt. Politisch war er ein Kümmerer, ein Heger, ein Brückenbauer – zur Jagd geblasen, Fronten aufgebaut hat er wohl selten, wobei er sehr wohl als durchsetzungsstark gegolten hat.  Karl Heißmeyer, der langjährige Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont ist tot. Mehrere Hundert Bürger erwiesen ihm heute am frühen Nachmittag an dem in der Peter und Paul-Kirche aufgebahrten Sarg die letzte Ehre.

(Zu den Bildern: Landrat Rüdiger Butte hielt eine bewegende Rede auf seinen Vorgänger. Feuerwehrkameraden aus Emmerthal erweisen ihrem ehemaligen Gemeindebürgermeister die Ehre des letzten Geleits. Fotos: Lorenz)   

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Feuerwehrkameraden aus Emmerthal, wo Karl Heißmeyer auch lange Jahre als Gemeindebürgermeister wirkte, trugen den Sarg aus der Kirche, am Schloß vorbei, über den Feldweg hinaus zum Friedhof von Bisperode.  Dreimal konnte der ehemalige Landrat im Verlauf seiner langen schweren Krankheit „dem Tod aus dem Weg gehen“, wie es Pastor Frost im Trauergottesdienst angemerkt hat, dann hat der Körper des 73-Jährigen, den viele als robust und lebensbejahend in Erinnerung behalten haben, dem Tod nichts mehr entgegensetzen können. In der Nacht zum Dienstag ist Karl Heißmeyer im Krankenhaus in Hameln gestorben.

Zuvor hatte er am Krankenbett am heiligen Abendmahl teilgenommen. Den Tod vor Augen. Im Kreise seiner engsten Angehörigen und in Gegenwart seiner Tochter, die ihm so viel bedeutet hat, wie überhaupt die ganze Familie mit Enkelschar eine bestimmende Größe in seinem Leben war. Die Kirche, in der nun an diesem Nachmittag der Sarg aufgebahrt ist, darf ruhig als heimisches Terrain gelten. Heißmeyers Schwiegersohn Andreas Voß ist hier der angesehene Patron im Kirchenvorstand der Kirchengemeinde am Ith. Er ist zudem Ortsbürgermeister für die CDU. Der wehrhafte Kirchturm, der wuchtig das Dorf überragt, ist gewiß älter als das prächtige Wasserschloß des Andreas Voß, das von der Straße her kaum einsehbar ist und auf eine demonstrative Bauanweisung des Hermann Werner von Wolff-Metternich, Fürstbischof zu Paderborn, zurückgeht. Das sollte wohl seinerzeit an der Kirchengrenze die Herrschaften in Hannover beeindrucken und wirkt noch heute irgendwie verloren und wie hingestellt an diesem schlichten Straßendorf am Ith. Den "Hermann machen", wie man im Lippischen sagen würde, das war freilich nie das Ding von Karl Heißmeyer. Im Gegenteil. Er hat sich immer "gegen das Gedöns" gewehrt, wie er abwinkend zu sagen pflegte.

Kann es sein dass die Stimme von Landrat Rüdiger Butte etwas belegt und brüchig klingt, als er den Nachruf auf Karl Heißmeyer anstimmt? Er weicht von seinem Manuskript ab und erinnert an die ganz persönlichen, geradezu väterlichen Ratschläge, die ihm Karl Heißmeyer als Amtsvorgänger zu Beginn seiner Laufbahn als erster „eingleisiger“ Landrat im Kreis Hameln-Pyrmont mit auf dem Weg gegeben hat.

Charakterstark, zuweilen auch eckig und kantig, stets aber mit Herz und Gemeinsinn – das sind die Schlüsselworte, die sich in den Trauerreden wiederfinden. Ob es nun der amtierende Landrat ist, der Gemeindebürgermeister von Emmerthal, der Kreisjägermeister oder der Kreisbrandmeister: In der Beschreibung der liebenswürdigen Eigenschaften des Verstorbenen sind sie sich einig.

Deutlich wird auch: Hier ist ein markanter Vertreter der Nachkriegsgeneration abgetreten, die neue Werte geschaffen hat und sich aufgrund der Umstände allzuviele Selbstzweifel im Aufbau zunächst nicht erlauben konnte, sondern stets einen verlässlichen Kompass brauchte. Der Landtagsabgeordnete und Genosse Uli Watermann bedankte sich am aufgebahrten Sarg von Karl Heißmeyer ausdrücklich für „eine wunderbare, freundschaftliche Begleitung“. Es war eine sehr vertraute Botschaft an den verstorbenen Sozialdemokraten. Ebenso wie der Dank des Kreisjägermeisters Ziegler, der in einem „letzten Halali“ mündete, das die Jagdhornbläser seiner Jägerkameraden von der Brüstung der barocken Saalkirche anstimmten. In dem Kreis dieser Freunde hatte sich der leidenschaftliche Waidmann stets wohlgefühlt und Wärme empfunden.

Und der Presse hätte er wohl wiedermal an solch einem Herbsttag jovial und augenzwinkernd zugerufen, wie er es eigentlich immer tat: „Nun schreibt mal was Schönes…“

Was hiermit geschehen ist.

In Trauer.

(Zu den Bildern unten: Pastor Frost bekannte im Trauergottesdienst: Ich hätte Karl Heißmeyer gerne noch näher kennengelernt. Frost ist noch nicht lange im Weserbergland. Die Jagdhornbläser der Kreisjägerschaft. Trauerzug auf dem Weg zum Friedhof. Fotos: Lorenz)